Enshittification — Software wird über Zeit schlechter
Plattformen sind zunächst gut zu Nutzer:innen, dann gut zu Geschäftskunden, dann gut zu Aktionär:innen — und am Ende für alle drei unbrauchbar. Der Verfall ist nicht zufällig, er ist das Geschäftsmodell.
Wie sich das zeigt
- Pocket: 17 Jahre alter Read-It-Later-Dienst — von Mozilla 2017 gekauft, 2025 abgekündigt. Bestehende Nutzer:innen verloren ihre Bibliothek.
- Google Search: Cory Doctorows ursprüngliches Beispiel — Werbung dominiert organische Ergebnisse, Inhalte werden für Ranking optimiert, nicht für Lesende.
- Adobe-, Office-, 1Password-Subscriptions: einmal gekaufte Tools wurden in Pflicht-Abos überführt; ein Abbruch löscht effektiv den Zugang zu eigenen Dateien.
- Twitter / X: API-Schließung 2023, kostenpflichtige Verifikation, brüchige Moderation — kommerzielle Eskalation als Verfallskurve in Echtzeit.
Cory Doctorow hat dem Muster 2023 den Namen gegeben: enshittification. Software-Plattformen durchlaufen drei Phasen. Zuerst sind sie gut zu Nutzer:innen — sie subventionieren das Erlebnis, um Reichweite zu kaufen. Dann sind sie gut zu Geschäftskunden — Werbetreibenden, Verkäufer:innen, Verlagen —, die für Zugang zu den Nutzer:innen zahlen. Am Ende sind sie nur noch gut zu Aktionär:innen: Beide Seiten werden ausgepresst, bis die Plattform unbrauchbar ist. Das nennt sich „Wert-Extraktion”.
Das Muster ist nicht moralisch, es ist mechanisch. Sobald eine Plattform genug Nutzer:innen eingelockt hat, dass Wechseln teuer wird (Daten, Verbindungen, Gewohnheiten), wird die Verschlechterung profitabel. Lock-In ist die Hebel-Wirkung.
Für uns folgt daraus eine konstruktive Frage: Was muss strukturell anders sein, damit diese Plattform den Weg nicht geht? Die Antwort liegt nicht in einem Werte-Manifest, sondern in der Rechtsform (kein Aktionärs-Vorstand zu bedienen), im Geschäftsmodell (kein Werbe-Hebel zu drehen) und in der Daten-Architektur (kein Lock-In, das man später ausnutzen könnte). Diese Lösungen sind unten verlinkt.
Wir sind dagegen nicht immun. Ein Verein kann träge werden, eine Stiftung kann mit der Zeit ein Establishment werden. Die Vorkehrungen dagegen sind Transparenz (Bücher offen), Vereinsstrukturen (Mitgliederbeschluss) und ehrliche Selbstkritik im Devlog — keine Garantie, aber das Beste, was wir einbauen konnten.
Quellen Dritter
Was wir hier behaupten, behaupten andere zuerst und mit eigenem Namen daneben. Datum dort, wo es belegbar ist.
- Cory Doctorow — „The 'Enshittification' of TikTok" (Wired, 21. Januar 2023) 2023-01-21
- Cory Doctorow — „Pluralistic: Tiktok's enshittification" (Pluralistic-Blog) 2023-01-21
- Macquarie Dictionary — Wort des Jahres 2024: „enshittification" 2024-11-25
- Mozilla — „Read it later with Pocket" / Sunset-Ankündigung 2025 2025-05-22
Wie wir strukturell antworten
Lösungen, die diesen Problem adressieren. Keine Marketing-Versprechen, sondern Architektur-Entscheidungen mit Belegen im Code.
- Selbstkostenpreis statt Werbe-GeschäftsmodellWenn der Verein nicht von Werbe-Erlösen lebt, gibt es keinen ökonomischen Hebel, der irgendwann zu Tracking, Profiling oder Verkauf zwingen würde.
- Föderation statt Lock-InWenn der Daten-Austausch über veröffentlichte Protokolle läuft, ist Verlassen nicht teurer als Bleiben — das nimmt dem Enshittification-Mechanismus seinen Hebel.
Welche Grundsätze hier verletzt werden
Diagnose ohne Antwort ist Lamentation. Was wir baulich tun, steht im Lösungs-Hub.